Geschlechtsidentitäten

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Es wird also unterschieden zwischen:
  1. dem biologischen, also dem bei der Geburt zugeschriebenen Geschlecht und
  2. „Gender“. Es beschreibt die soziale und persönliche Dimension von Geschlechtszugehörigkeit, also, wie Menschen sich selbst verstehen und wie sie von der Gesellschaft wahrgenommen werden

Geschlecht ist mehr als „männlich“ oder „weiblich“. Es beschreibt nicht nur den Körper, mit dem jemand geboren wird, sondern auch die persönliche Identität und wie Menschen sich selbst wahrnehmen

Für manche passt die eigene Identität zu den bei der Geburt zugeschriebenen Kategorien, für andere nicht. Das nennt man dann Gender Dysphorie. Gender Dysphorie kann beispielsweise bei trans* oder inter* Personen vorkommen, muss es aber nicht. Es gibt vielfältige Körperkonzepte jenseits dieser binären Vorstellung. Viele Menschen definieren ihren Körper auf eine Weise, der zu ihrer Identität passt, unabhängig von gesellschaftlichen Erwartungen. 

Entscheidend ist, dass jede Person selbstbestimmt über ihren Körper und ihre Identität entscheiden kann. Geschlechtsidentität kann vielfältig, fließend und individuell sein. Sexualität ist unabhängig von Gender in uns allen und immer dann, wenn Sexualität und Gender aufeinandertreffen, kann es auch Besonderheiten geben.Hofer, H., Hofer-Hartnig, M. & Hofer, W. Sex ist nicht gleich Sex: Genderspezifika in der Sexualität und Sexualtherapie. Z Psychodrama Soziom 15 (Suppl 2), 221–234 (2016). doi.org

Unsere Gesellschaft ist durch eine binäre Geschlechterordnung geprägt. Diese Alltagstheorie besagt, dass es nur zwei Geschlechter gibt und jeder Mensch das eine oder das andere Geschlecht hat. Außerdem steht ihr nach die Geschlechtszugehörigkeit von Geburt an fest und verändert sich nicht und kann anhand der Genitalien ohne Zweifel erkannt werden. 

Diese Theorie ist nicht wissenschaftlich fundiert aber trotzdem weit verbreitet, was zu einem großen Leidensdruck bei Personen führen kann, die sich nicht in der binären Geschlechterordnung wiederfinden. Durch Normen, in Medien aber auch in Gesetzen oder im Gesundheitssystem ist die binäre Geschlechterordnung teilweise noch immer tief verankert. Faulstich, J. Geschlechtsidentitäten bedingungslos respektieren. Heilberufe 75, 16–18 (2023). doi.org 

Unter anderem dadurch, dass wir geschlechtliche Vielfalt in unserem Alltag anerkennen, können wir die bisher geltenden Normen aufbrechen und dazu beitragen, Menschen außerhalb der Binarität zu empowern.

Zeit zur Reflektion

Eigene Haltung hinterfragen

Nimm dir kurz Zeit zu überlegen, wo Du vielleicht noch innerhalb einer binären Geschlechterordnung denkst.

Schließt du z.B. durch den Namen von Personen auf ihr Geschlecht und gehst davon aus, dass es sich um einen Mann oder eine Frau handelt?

Bist du überrascht oder irritiert, wenn jemand nicht ins "traditionell" Mann-Frau Schema passt?

Hinterfrage ich meine eigenen Annahmen über Geschlecht regelmäßig, oder nehme ich sie als selbstverständlich an?

Begriffsdefinitionen

Geschlechtsidentitäten haben verschiedene Begriffe und Bezeichnungen. Einige davon werden im folgenden erklärt.

Cisgeschlechtlichkeit

Menschen, deren Geschlechtsidentität mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt.

Transgeschlechtlichkeit/ trans*

Menschen, deren Geschlechtsidentität nicht (oder nicht vollständig) mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt.

Intergeschlechtlichkeit

Menschen, die mit körperlichen Merkmalen (z. B. Chromosomen, Hormonen oder Genitalien) geboren werden, die nicht eindeutig in die medizinische Norm „männlich“ oder „weiblich“ passen. Intergeschlechtlichkeit ist eine natürliche Variation des menschlichen Körpers. Viele inter* Personen erleben gesellschaftlichen Druck, sich in ein binäres System einzuordnen, oder medizinische Eingriffe ohne ihre Zustimmung.

Nonbinarität

Menschen, die sich weder ausschließlich als Mann noch ausschließlich als Frau verstehen. 

Mehr dazu

Hier findest du detailliertere Informationen zu den Themen trans*, inter* und nicht-binär.

Genderqueerness

Ähnlich wie nonbinär, ein Sammelbegriff für Identitäten jenseits von „Mann“ und „Frau“.

Agender

Menschen, die kein Geschlecht empfinden oder sich keiner Geschlechtsidentität zugehörig fühlen.

Bigender

Menschen, die sich mit zwei Geschlechtern identifizieren, gleichzeitig oder abwechselnd.

Genderfluid

Menschen, deren Geschlechtsidentität sich im Laufe der Zeit verändert oder zwischen verschiedenen Ausdrucksformen fließt.

Geschlechtliche Zuschreibungen

Wichtig:

Geschlecht ist vielfältig, es gibt nicht nur zwei Kategorien

Zuschreibungen sind nicht bindend, das „Geburtsgeschlecht“ bestimmt nicht automatisch die Identität

Veränderungen sind normal. Identität kann sich verändern, wachsen oder in Bewegung bleiben,

Sprache schafft Sichtbarkeit (mehr dazu hier): Begriffe helfen, Erfahrungen zu benennen, auch wenn nicht alle Menschen dieselben Wörter verwenden.

Geschlecht wird Menschen oft direkt bei der Geburt zugeschrieben, meist auf Grundlage äußerer körperlicher Merkmale wie Genitalien. Diese Zuschreibungen sind jedoch nicht für alle Menschen passend und spiegeln nicht die gesamte Bandbreite von Geschlechtsidentitäten wider. Viele Menschen leben ein Geschlecht, das nicht mit der bei der Geburt erfolgten Zuordnung übereinstimmt. Diese Vielfalt sichtbar zu machen, ist ein wichtiger Schritt hin zu mehr Akzeptanz und Respekt.

Ein zentraler Teil davon sind Pronomen, also die Wörter, mit denen wir über Personen sprechen (z. B. „sie“, „er“, „they“). Pronomen sind ein Ausdruck von Identität und Selbstbestimmung. Wenn wir die Pronomen einer Person respektieren und richtig verwenden, zeigen wir Anerkennung und schaffen ein Umfeld, in dem sich Menschen sicher und gesehen fühlen können.

Pronomen

Pronomen und ihre Anwendung

Pronomen sind Wörter, die wir anstatt von Namen verwenden (z.B. „er“, „sie“ oder „they“). Sie zeigen oft Geschlecht an und sind ein wichtiger Teil davon, wie Menschen gesehen und respektiert werden. Die bevorzugten Pronomen von Personen können sich mit der Zeit verändern. Manche Menschen nutzen eine Kombination von Pronomen, zum Beispiel sie/they oder er/they. Das bedeutet in der Regel: beide Formen sind richtig und können abwechselnd verwendet werden. Für viele ist das ein Weg, ihre Identität besser abzubilden. Die richtigen Pronomen zu verwenden, ist ein Zeichen von Anerkennung und Wertschätzung.

Pronomen


Er/Ihn

Anwendung


für Menschen, die sich (ganz oder teilweise) männlich identifizieren.

Pronomen


They/them (oder dey/dem), englisch, zunehmend auch im Deutschen genutzt

Anwendung


geschlechtsneutral, für nonbinäre, genderfluide oder alle, die es bevorzugen.

Pronomen


Keine Pronomen

Anwendung


Manche Menschen möchten ausschließlich mit ihrem Namen angesprochen werden.

Pronomen


Sie/Ihr

Anwendung


für Menschen, die sich (ganz oder teilweise) weiblich identifizieren.

Pronomen


Xier/Xiem/Xies

Anwendung


geschlechtsneutrale Pronomen, die vor allem in queeren und aktivistischen Kontexten genutzt werden.

Anwendung im Satz

Er geht heute ins Kino. Ich treffe ihn später.

Sie liest ein Buch. Ich gebe ihr das Glas.

They sind meine Freund*in. Ich habe them gestern gesehen.

Xier schreibt eine Nachricht. Ich antworte xiem sofort.

Der Umgang mit Pronomen im Alltag

Nach Pronomen fragen: einfach und respektvoll („Welche Pronomen benutzt oder bevorzugst du?“)

Nicht von bestimmten Pronomen ausgehen: nicht vom Aussehen oder Namen auf Pronomen schließen.

Fehler korrigieren: Wenn du falsche Pronomen benutzt, kurz verbessern und weitermachen.

Pluralformen: Im Deutschen lassen sich neutrale Formen auch mit „Person“ oder Umschreibungen bilden („die Person, die…“)

Respekt vor Vielfalt: Sprache entwickelt sich und es gibt keine „falschen“ Pronomen, wenn Menschen sich damit wohlfühlen.

LSBTIQ*

Das Kürzel LSBTIQ*oder ähnliche Abkürzungen tauchen oft auf, wenn es um geschlechtliche Vielfalt und sexuelle Orientierungen geht und sind dabei ein Sammelbegriffe, die Vielfalt sichtbar machen sollen.

  • L- Lesbisch: Frauen (oder Personen, die sich als Frauen identifizieren), die sich zu Frauen hingezogen fühlen.
  • S- Schwul: Männer, die sich zu Männern hingezogen fühlen.
  • B- Bisexuell: Menschen, die sich zu mehr als einem Geschlecht hingezogen fühlen.
  • T- Trans: Menschen, deren Geschlechtsidentität nicht (oder nicht vollständig) mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt.
  • I- Intergeschlechtlich: Menschen, die mit körperlichen Merkmalen geboren werden, die nicht eindeutig in das medizinische Schema „männlich“ oder „weiblich“ passen.
  • Q- Queer: Sammelbegriff für Identitäten und Orientierungen jenseits der Heteronorm, wird auch als politische Selbstbezeichnung genutzt.
  • *- Sternchen: steht für Offenheit. Es zeigt, dass noch viele weitere Identitäten und Orientierungen gibt, die nicht in den Buchstaben enthalten sind (z-B. pansexuell, aromantisch, agender, genderfluid.

 

Wichtig zu wissen:


LSBTIQ* ist ein inklusives Konzept, keine starre Liste. Das * macht deutlich, dass es neben den genannten Buchstaben noch viele weitere Identitäten und Orientierungen gibt, die mitgemeint sind. So bleibt der Begriff offen und schließt niemanden aus.

Die einzelnen Buchstaben haben eigene Geschichten und Communities, gehören aber zusammen, weil sie ähnliche Kämpfe um Anerkennung, Rechte und Sichtbarkeit teilen.

Geschlechtliche Vielfalt im Gesundheitssystem

Das Gesundheitssystem spielt eine zentrale Rolle für die körperliche und psychische Gesundheit aller Menschen. Inbesondere trans*, inter* und nicht-binäre Personen erleben hier aber häufig Diskriminierung, Missachtung oder sogar Verweigerung medizinischer Leistungen. Ursachen liegen in der binären Geschlechterordnung, die unsere Gesellschaft prägt. Auch im Gesundheitssystem herrscht noch an vielen Stellen die Überzeugung, dass Menschen in zwei Geschlechter unterteilbar sind. Damit gelten trans* Menschen als Abweichungen einer Norm und werden pathologisiert. „Pathologisieren“ bedeutet, etwas als krankhaft oder behandlungsbedürftig darzustellen, obwohl es sich nicht zwangsläufig um eine Krankheit handelt. Geschlechtliche Abweichungen von der Norm sind ganz klar keine Krankheiten sondern ganz natürlich. 

Geschlecht und geschlechtliche Vielfalt spielen auch in der medizinischen Versorgung von Menschen eine Rolle. Das gilt insbesondere dann, wenn es um körperliche Themen, Genderkonflikte oder sexuelle Funktionsstörungen geht. Hier ist ein besonders (gender-) sensibles Vorgehen gefragt. Hofer, H., Hofer-Hartnig, M. & Hofer, W. Sex ist nicht gleich Sex: Genderspezifika in der Sexualität und Sexualtherapie. Z Psychodrama Soziom 15 (Suppl 2), 221–234 (2016). doi.org

Trans* Menschen berichten, dass sie aus Angst vor Diskriminierung Ärzt*innenbesuche vermeiden oder schlechte Erfahrungen machen, z.B. durch absichtliches Misgendern, unsensible Fragen oder den Ausschluss von Behandlungen. Das kann schwere Folgen haben: von mangelnder Vorsorge über unnötige psychische Belastungen bis hin zu erhöhter Suizidalität durch Minderheitenstress. Faulstich, J. Geschlechtsidentitäten bedingungslos respektieren. Heilberufe 75, 16–18 (2023). doi.org

Handlungsempfehlungen für Fachkräfte

Handlungsempfehlungen für Fachkräfte

1. Respektvolle Sprache und Pronomen

Immer die gewünschten Pronomen und Namen verwenden, unabhängig davon, ob eine offizielle Namensänderung erfolgt ist.

Bei Unsicherheit: nachfragen („Welche Pronomen nutzen Sie?“).

Auf allen Formularen die Möglichkeit für selbstgewählte Namen und mehr als zwei Geschlechtsoptionen schaffen.

2. Strukturen anpassen

Aufnahmebögen und Stammdatenblätter geschlechtsinklusiv gestalten (z. B. nicht „männlich/weiblich“ als einzige Optionen).

Medizinische Dokumentationen sollten Organe und Körperteile beschreiben, ohne automatisch einem Geschlecht zugeordnet zu werden (z. B. „Menschen mit Vulva“ statt „Frauen“).

3. Fachwissen aufbauen

Fort- und Weiterbildungen zu geschlechtlicher und sexueller Vielfalt anbieten (inkl. rechtlicher Grundlagen, medizinischer Bedarfe, psychosozialer Aspekte).

Austausch mit queeren Personen und spezialisierten Ärzt*innen suchen.

4. Haltung entwickeln

Diskriminierung ist keine Ausnahme, sondern strukturell verankert. Fachkräfte müssen ihre eigenen Vorurteile reflektieren und die binäre Alltagstheorie von Geschlecht dadurch aktiv verlernen.

Eine offene, wohlwollende und nicht-pathologisierende Haltung ist wichtiger als perfektes Fachwissen.

5. Sichtbarkeit schaffen

Auf Websites, Flyern oder im Wartebereich explizit auch trans*, inter* und nicht-binäre Personen ansprechen.

Diverse Bilder und inklusive Sprache verwenden, um Zugehörigkeit zu signalisieren.

 

Sichtbarkeit bedeutet auch, offen zu zeigen, dass Vielfalt willkommen ist. Viele Menschen nutzen dafür Flaggen (z. B. die Regenbogenflagge, die Trans*-Flagge oder die Bi-Pride-Flagge) oder andere Symbole. Sie signalisieren Zugehörigkeit und Sicherheit. Wer als Ally (Verbündete*r) auftreten möchte, kann solche Zeichen bewusst einsetzen, sei es in der Einrichtung, im Online-Auftritt oder durch Anstecker und Sticker. Wichtig ist aber: Symbole sind ein Anfang, echtes Allyship zeigt sich vor allem im respektvollen Handeln und im Eintreten gegen Diskriminierung im Alltag.


Gesundheitliche Versorgung muss für alle Menschen diskriminierungsfrei zugänglich sein. Wer geschlechtliche Vielfalt anerkennt, trägt nicht nur zur Würde und Sicherheit von Patient*innen bei, sondern auch zur Qualität der medizinischen Versorgung von queeren Personen.

Januar, 2026

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Quellen

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