Geschlechtsorgane
Geschlechtsorgane sind nicht nur für die Fortpflanzung da. Sie sind Lustorgane (also auch an sexueller Erregung beteiligt). Oft werden sie in „männlich“ und „weiblich“ eingeordnet. Gemeint sind damit dann nicht immer Männer oder Frauen, sondern Personen mit Penis (also „männlichen“ Geschlechtsorganen) oder Personen mit Vulva und Vagina (also „weiblichen“ Geschlechtsorganen).
Hier geht es um biologisches Geschlecht. Informationen zum sozialen Geschlecht, das nicht immer mit dem biologischen übereinstimmt, finden sich im Kapitel Geschlechtsidentitäten. Tipps, wie man respektvoll über Geschlecht spricht, finden sich im Kapitel Sexualität & Sprache.
Was sind Geschlechtsorgane?
Geschlechtsorgane sind Körperteile, die mit Fortpflanzung, Sexualität, Lust oder Hormonen zu tun haben. Man unterscheidet:
- innere Geschlechtsorgane (z. B. Gebärmutter oder Prostata)
- äußere Geschlechtsorgane (z. B. Penis oder Vulva)
Vielfalt statt Schubladen
Meist wird zwischen „männlich“ und „weiblich“ getrennt. Gemeint sind dabei oft Menschen mit Penis (= „männlich“) und Menschen mit Vagina (= „weiblich“). Doch nicht alle Menschen passen da hinein, inter* Menschen zum Beispiel.
Keine zwei Geschlechtsorgane sehen gleich aus. Und das ist genau richtig so. In Pornos dagegen werden immer dieselben Bilder gezeigt: riesige Penisse, glatte Vulven, große Brüste. Das ist nicht die Realität, sondern eine Einheitsdarstellung, die zu falschen Erwartungen führt.
Außerdem sind Begriffe, die Geschlechtsorgane beschreiben, häufig irreführend. Besonders bei “weiblichen” Geschlechtsorganen. Mehr darüber, wie über Geschlechtsorgane und Sexualität gesprochen werden kann, findest du im Kapitel “Sexualität & Sprache”.
Medizinische Abbildungen zu vielfältigen Geschlechtsorganen fehlen bisher. Medizinische Leitlinien, als Behandlungspläne richten sich heute auch häufig noch nach „weiblichen“ oder „männlichen“ Geschlechtsorganen. Deshalb stellen wir diese im Verlauf dar. Dadurch, dass wir „weiblich“ und „männlich“ in Anführungszeichen schreiben, möchten wir ausdrücken, dass damit ausschließlich das biologische Geschlecht gemeint ist. Mehr zum Thema soziales Geschlecht findest du im Thema “Geschlechtsidentitäten”.
Die sogenannten "weiblichen" Geschlechtsorgane
Die äußeren, sichtbaren Geschlechtsorgane heißen Vulva. Sie sieht bei jeder Person anders aus. Zur Vulva gehören
Die Klitoris
An der gesamten Vulva befinden sich viele Nerven, die dafür sorgen, dass die Vulva sehr sensibel ist. Der empfindlichste Bereich: die Klitoris. Sie ist ein zentrales Lustorgan. Nur die Spitze (Klitoriskopf/-eichel) ist sichtbar, der größte Teil liegt im Körper. Sie kann bei Erregung anschwellen und steif werden. Ein Orgasmus entsteht oft durch Stimulation der Klitoris von außen oder innen über die Vagina. Viele Forschende erklären den „G-Punkt“ als inneren Teil der Klitoris
Die Bartholin-Drüsen geben Flüssigkeit ab, die die Vulva befeuchtet. Die Vagina wird hauptsächlich durch Zellen in der Vaginalwand befeuchtet.
Die Vulva verbindet Vagina und die anderen inneren Geschlechtsorgane. Die Vagina ist ca. 10 cm lang und elastisch. Die Vagina verbindet die Vulva mit den inneren Geschlechtsorganen Gebärmutter, Eileiter und Eierstöcke. Ein gesundes Scheidenmilieu und der Ausfluss verhindern, dass Bakterien in den Uterus gelangen.
Übrigens: Vagina und Vulva werden zusammengefasst auch Vulvina genannt. Das Wort verbindet „Vulva“ und „Vagina“. Der Begriff soll angst- und schamfrei genutzt werden und eine positive Körperwahrnehmung fördern.
Im medizinischen Bereich werden die Geschlechtsorgane nach geschlechtsangleichenden Operationen bei trans* Frauen „Neo-Vulva“ und „Neo-Vagina“, zusammengefasst “Neo-Vulvina” genannt. Mehr zum Thema trans* und Transition findest du auf der Fokusseite “trans*”.
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Mythos Hymen ("Jungfernhäutchen")
Anhand des sog. "Jungfernhäutchens" kann man sehen, ob eine Person mit weiblichen Geschlechtsorganen schon einmal Sex hatte.
Lüge
Das Hymen ist eine Hautfalte am Vaginaleingang – es beweist keine Jungfräulichkeit. Es kann beim Sex, beim Sport oder durch andere Einflüsse einreißen und bluten, muss es aber nicht. Ob ein Hymen vorhanden ist oder nicht, sagt nichts über sexuelle Erfahrungen aus
Schmerzen beim Sex
Schmerzen beim Sex
Die sogenannten "männlichen" Geschlechtsorgane
Die äußeren männlichen Geschlechtsorgane sind Penis und Hodensack (Skrotum). Auch sie sehen individuell aus – Größe, Form und Ausprägung unterscheiden sich.
Der Penis besteht aus Wurzel, Schaft und Eichel. Die Eichel ist von der Vorhaut, einem beweglichen Hautlappen, umschlossen, der die empfindliche Schleimhaut schützt. Bei Erregung füllt sich der Penis mit Blut und wird dadurch bei den meisten Menschen dicker und größer. Bei Vorhautverengungen kann die Vorhaut mit einem chirurgischen Eingriff gekürzt oder ganz entfernt werden. Das nennt man „Beschneidung“. Mehr dazu erfährst du im Kapitel “Penisbeschneidung”.
Durch den Penis verläuft die Harnröhre. Durch sie wird nicht nur Urin, sondern auch Samen transportiert.
Der Hodensack ist wie eine Hülle für die Hoden und die Nebenhoden, von denen auch die Samenleiter abgehen.
Die äußeren „männlichen“ Geschlechtsteile sind sehr sensibel, weil sie mit vielen Nervenfasern durchzogen sind. Deren Stimulation kann für Erregung sorgen, sodass der Penis hart wird und Flüssigkeit durch die Harnröhre ausgeschieden wird. Mit fortschreitender Erregung kann es zum Orgasmus und zum Samenerguss kommen.
Die Hoden liegen im Hodensack. Obwohl sie außerhalb des Körpers liegen, gehören sie daher zu den inneren Geschlechtsorganen. Sie produzieren Testosteron und Samenzellen (Spermien). Die Nebenhoden speichern die Spermien. Hier werden die Spermien auch beweglich. Die Samenleiter transportieren sie weiter bis zur Prostata. Die Prostata und Bläschendrüsen bilden Flüssigkeiten, die zusammen mit Spermien Sperma ergeben, das durch die Harnröhre transportiert wird.
Übrigens: Im medizinischen Kontext werden Geschlechtsorgane nach geschlechtsangleichenden Operationen bei trans* Männern „Neo-Penis“ und „Neo-Hoden“ genannt. Hier kannst du mehr zum Thema trans* und Transition lesen.
Intergeschlechtliche Geschlechtsorgane
Geschlecht lässt sich nicht in „männlich“ oder „weiblich“ einteilen. Es ist vielfältig. Nicht nur sozial, sondern auch in Biologie oder Medizin. Inter* Menschen haben Merkmale von „weiblich“ und „männlich“ zugleich. Der Begriff „Inter*“ soll betonen, dass auch Intergeschlechtlichkeit divers ist. Welche Kombination von Ausprägungen als weiblich, männlich oder inter* eingeteilt werden, ist fließend und teilweise überlappend.
Inter* kann verschiedene Bereiche betreffen
Chromosomen
Keimdrüsen
Innere Genitalien
Eierstöcke, Eileiter, Gebärmutter und Vagina = weiblich
Samenleiter und Prostata = männlich
Geschlechtshormone
Viel Östrogen = weiblich
Viel Testosteron = männlich
Äußere Genitalien
Vulva = weiblich
Penis = männlich
Es gibt die Erwartung, dass bei allen Menschen all diese Merkmale eindeutig ausgebildet sind und miteinander übereinstimmen. Tatsächlich gibt es für die verschiedenen Ebenen auch unterschiedliche Ausprägungen. So können bei den Chromosomen auch andere Kombinationen auftreten.
Es gibt daher keine eindeutigen inter*-Geschlechtsorgane, da viele Kombinationen und Ausprägungen möglich sind.
Sekundäre Geschlechtsmerkmale
Sekundären Geschlechtsorgane entwickeln sich in der Pubertät. Sie dienen aber nicht direkt der Fortpflanzung.
Bei „männlichen“ Körpern zählt dazu die Körperbehaarung an Rücken, Brust, Bauch, Achseln, Gesicht und Intimbereich.
Bei „weiblichen“ Körpern sind es die Brüste, Körperbehaarung und die veränderten Körperproportionen nach der Pubertät (breitere Hüfte, schmalere Taille).
Bei ihnen ist der Übergang zwischen „männlich“ und „weiblich“ besonders fließend. Viele Menschen mit Vulva haben beispielsweise Gesichts- oder stärkere Körperbehaarung. Menschen mit Penis können auch Ansätze von Brüsten entwickeln.
Ejakulation und Orgasmus
Bei der Ejakulation von Menschen mit Penis (Samenerguss) ziehen sich Muskeln im Beckenboden zusammen und pressen Sperma durch die Harnröhre. Ein Orgasmus kann mit oder ohne Ejakulation auftreten und eine Ejakulation mit und ohne Orgasmus.
Beim sogenannten Squirten tritt neben dem normalen „Feuchtwerden“, was als Ejakulation von Menschen mit Vulva (oder englisch: female ejaculation) bezeichnet wird, mehr Flüssigkeit aus - mit oder ohne Orgasmus
Ob jemand squirten kann oder nicht, sagt nichts über die Qualität der Befriedigung oder des Orgasmus aus. Außerdem sagt ein Orgasmus nichts über die Qualität von Sex aus und er muss den Sex auch nicht beenden. Viele Pornos enden mit dem “männlichen” Orgasmus und dem Abspritzen. Doch damit muss der Sex nicht beendet sein.
Beim Orgasmus von Menschen mit Vulva wurde lange zwischen „vaginal“ und „klitoral“ unterschieden. Heute zeigen einige Studien, dass der vaginale Orgasmus durch die Stimulation der Klitoris von innen, durch die Vagina ausgelöst wird
Mythos G-Punkt
Den G-Punkt gibt es.
Jein
Ob es den G-Punkt gibt, ist in der Forschung umstritten. Der sogenannte G-Punkt beschreibt angeblich einen Bereich an der Innenwand der Vagina, der besonders sensibel auf Stimulation reagiert. 62,9 % der Menschen mit Vagina sagen in Studien, dass sie einen G-Punkt haben. In der Forschung konnte etwa die Hälfte der Studien den G-Punkt klinisch feststellen, andere nicht. Bildgebende Studien lieferten zudem widersprüchliche Ergebnisse. Somit ist man sich einig, dass ein G-Punkt existiert, die Lokalisation, Größe und Art der Struktur bleibt aber weiterhin ungeklärt
Eine Theorie ist, dass der G-Punkt Teil der Stimulation der Klitoris sein könnte, da sie um die Vagina liegt und Menschen mit Vulva so zum Orgasmus kommen können
Erogene Zonen
Streicheln, Küssen oder Lecken von Körperregionen kann sehr wirksam sein, sexuelle Erregung hervorzurufen. Besonders wirksam ist das an einigen Stellen des Körpers, die darauf besonders sensibel reagieren. Die sogenannten erogenen Zonen. Das sind nicht nur die primären und sekundären Geschlechtsorgane, sondern auch Lippen, Ohrläppchen und viele andere Körperreigionen. In mehreren Studien wurde bereits untersucht, wo diese erogenen Zonen bei Menschen mit Vulva und/oder Brüsten oder bei Menschen mit Penis sind.