Erkrankungen & Sexualität

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Sexualität gehört zum Leben aller Menschen, auch dann, wenn der Körper oder die Psyche sich verändern. Erkrankungen können beeinflussen, wie wir Lust, und Sexualität erleben. Das bedeutet jedoch nicht, dass Sexualität verschwindet. Diese Seite gibt einen kurzen Überblick über das Thema. Bei größerem Interesse lohnt sich das Gespräch mit Ärzt*innen oder mit Beratungsstellen.

Wichtig: Die Liste an Erkrankungen ist hier nicht vollständig. Falls du zu einer anderen Erkrankung in Bezug zu Sexualität Fragen haben solltest, lohnt sich das Gespräch mit Ärzt*innen oder Beratungsstellen.

Sexualitätsbezogene Erkrankungen

Einige Erkrankungen beziehen sich primär auf die Sexualität oder die Geschlechtsorgane. Einige betreffen hauptsächlich Menschen mit Penis, andere Menschen mit Vagina. Dazu gehören:

  • verminderte Libido
  • erhöhte Libido
  • Schwierigkeiten bei Orgasmus
  • Schwierigkeiten bei Ejakulation
  • Schwierigkeiten beim Feucht-werden
  • Schmerzen beim Sex
Erektile Dysfunktion

Erektile Dysfunktion

Erektile Dysfunktion bedeutet, dass es für Menschen mit Penis über einen längeren Zeitraum schwierig ist, eine Erektion zu bekommen oder aufrechtzuerhalten, die für Sex ausreicht. Einzelne Erektionsprobleme sind ganz normal und kommen bei fast allen Menschen vor. Von einer erektilen Dysfunktion spricht man erst, wenn die Schwierigkeiten häufiger auftreten und als belastend empfunden werden.

Die Ursachen können sehr unterschiedlich sein. Häufig gibt es körperliche Gründe, zum Beispiel Durchblutungsstörungen, Diabetes, hormonelle Veränderungen oder Nebenwirkungen von Medikamenten. Auch psychische Faktoren spielen eine wichtige Rolle. Oft wirken körperliche und psychische Faktoren gemeinsam.

Erektionsprobleme können das Selbstwertgefühl, die Partnerschaft und den Umgang mit Nähe und Sexualität belasten. Viele Betroffene empfinden Scham und sprechen nicht darüber, obwohl erektile Dysfunktion weit verbreitet ist und nichts mit persönlichem Versagen zu tun hat.

Wichtig ist: Erektile Dysfunktion ist behandelbar. Je nach Ursache kommen unterschiedliche Möglichkeiten infrage, zum Beispiel Medikamente, Beratung, Gespräche zur psychischen Entlastung oder Anpassungen im Lebensstil. Auch offene Gespräche mit der Partnerin oder dem Partner können entlastend wirken.

Vaginismus

Vaginismus

Vaginismus bezeichnet eine sexuelle Funktionsstörung, bei der sich die Beckenbodenmuskulatur von Menschen mit Vulva unwillkürlich anspannt, sobald etwas in die Vagina eingeführt wird, zum Beispiel bei penetrativen Sex, beim Einführen von Tampons oder bei gynäkologischen Untersuchungen. Diese Anspannung ist nicht absichtlich und kann dazu führen, dass Penetration schmerzhaft oder gar nicht möglich ist.

Die Ursachen von Vaginismus sind vielfältig. Häufig spielen psychische Faktoren eine Rolle, beispielsweise negative oder belastende sexuelle Erfahrungen, Unsicherheit, Scham oder ein starkes Gefühl von Leistungsdruck. Auch körperliche Ursachen wie Schmerzen oder gynäkologische Erkrankungen können Vaginismus auslösen oder verstärken. Oft wirken mehrere Faktoren zusammen.

Vaginismus kann für Betroffene sehr belastend sein und sich auf das Selbstwertgefühl, die Sexualität und die Partnerschaft auswirken. Einige Betroffene fühlen sich unverstanden oder schämen sich, darüber zu sprechen.

Wichtig ist: Vaginismus ist keine bewusste Blockade, sondern eine körperliche Schutzreaktion.

Vaginismus ist gut behandelbar. Je nach Situation können Aufklärung, Gespräche, sexual- oder psychotherapeutische Unterstützung, Beckenbodentraining und ein behutsamer Umgang mit dem eigenen Körper helfen. Auch der Einbezug von Partner*innen kann helfen.

Wer Schwierigkeiten oder Schmerzen bei Penetration erlebt, sollte sich Unterstützung holen. Offen darüber zu sprechen und Hilfe anzunehmen ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer selbstbestimmten und lustvollen Sexualität.

Körperliche Erkrankungen

Neben akuten Erkrankungen wie z.B. einige sexuell übertragbaren Infektionen (STI), gibt es chronische Erkrankungen, die die Sexualität beeinflussen können. Ein paar davon stellen wir hier vor:

Diabetes

Diabetes

Sexuelle Funktionsstörungen gehören mit 68,6% zu den häufigsten Komplikationen bei Diabetes    Rahmanian, E., Salari, N., Mohammadi, M., & Jalali, R. (2019). Evaluation of sexual dysfunction and female sexual dysfunction indicators in women with type 2 diabetes: A systematic review and meta-analysis. Diabetology & Metabolic Syndrome, 11(1), 73. doi.org. Die ersten Probleme von Menschen mit Penis sind dabei häufig Erektionsstörungen. Außerdem kann Diabetes dazu führen, dass die Libido verringert ist und die Ejakulation weniger leichtfällt. Auch bei Menschen mit Gebärmutter können Libido und Erregung sinken. Außerdem kann es dazu kommen, dass die Vagina nicht feucht genug wird, was zu Schmerzen bei penetrativen Sex und Orgasmus führen kann.    Kizilay, F., Gali, H. E., & Serefoglu, E. C. (2017). Diabetes and Sexuality. Sexual Medicine Reviews, 5(1), 45–51. doi.org

Die Symptome können durch die medikamentöse Einstellung des Blutzuckers gelindert werden. Das Gespräch mit Ärzt*innen kann helfen, Sexualität lustvoll leben zu können. Wie du über Sexualität sprechen kannst erfährst du im Kapitel “Sexualität & Sprache”.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Sex ist gesund für Kreislauf und Herz. Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind sich häufig aber unsicher, wie viel Sexualität für sie okay ist. Allgemein lässt sich sagen, dass Sex den Kreislauf anregt. Puls und Blutdruck steigen und eine Menge Hormone werden ausgeschüttet. Bei den meisten Menschen steigt der Puls aber nicht so hoch, wie man denken könnte, sondern nur ungefähr auf 90 bis 130 Schläge/ Minute    Oliva-Lozano, J. M., Alacid, F., López-Miñarro, P. A., & Muyor, J. M. (2022). What Are the Physical Demands of Sexual Intercourse? A Systematic Review of the Literature. Archives of Sexual Behavior, 51(3), 1397–1417. doi.org. Das ist vergleichbar mit der Belastung beim Treppensteigen.

Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder nach einem Herzinfarkt sollten ihre Belastungsgrenze am besten mit Ärzt*innen besprechen. Außerdem muss geprüft werden, ob potenzsteigernde Medikamente (z.B. Viagra) zusammen mit anderen Medikamenten eingenommen werden können. Wie du am besten über Sexualität sprechen kannst erfährst du im Kapitel “Sexualität & Sprache”.

Wenn beim Sex Brustschmerzen oder Herzrasen auftauchen und diese auch in Ruhe nicht abklingen, sollte der Notruf (112) gewählt werden.

Schmerzen & Steifheit der Gelenke

Schmerzen & Steifheit der Gelenke

Einige körperlichen und neurologischen Erkrankungen wie Rheuma, Multiple Sklerose oder Parkinson gehen mit Schmerzen oder Steifheit in den Gelenken einher. Zum Glück gibt es aber Möglichkeiten, damit Sex trotzdem Spaß machen kann. Wichtig dabei ist, dass offen mit Partner*innen über Probleme und Sorgen geredet wird. Gemeinsam können neue Stellungen ausprobiert, und Scham oder Angst abgebaut werden. Im Kapitel "Sexualität & Sprache" findest du mehr dazu, wie du über Sexualität sprechen kannst. Es kann sich lohnen, das Themas Sex mit Ärzt*innen zu besprechen, um beispielsweise Schmerzmittel anzupassen und die Einnahme zu planen.

Chronische Darmerkrankungen

Chronische Darmerkrankungen

Darmerkrankungen wie Morbus Chron oder Colitis Ulcerosa können die Sexualität beeinflussen, durch Schmerzen, psychische Belastungen oder Stoma (künstlicher Darmausgang). Auch hier sind offene und ehrliche Gespräche mit Partner*innen und Ärzt*innen entscheidend. Besonders wichtig ist auch, dass Verhütungsmethoden angepasst werden. Die Pille wirkt beispielsweise bei Durchfällen nicht mehr zuverlässig. Häufig lassen sich Lösungen finden, wie Sexualität auch mit Darmerkrankung erfüllend sein kann. Wie du am besten über Sexualität sprechen kannst erfährst du im Kapitel “Sexualität & Sprache”.

Es gibt spezielle Unterwäschemarken, die Unterhosen speziell für Menschen mit Stoma entwickeln, damit sie sich wohler fühlen.

Psychische Erkrankungen

Sexualität und psychische Erkrankungen sind eng verknüpft: Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder Magersucht können zu verminderter Libido führen, während manische Phasen oder Borderline-Störungen zu erhöhter Sexualität führen können. Außerdem können Medikamente, Traumata oder ein geringes Selbstwertgefühl das Sexleben beeinflussen. Wichtig ist der offene Dialog mit Fachleuten, um die Ursachen zu klären. Denn es ist wichtig zu klären, ob die Erkrankung selbst, Medikamente oder psychologische Faktoren die Sexualität beeinflussen. Denn daran kann man gemeinsam mit Ärzt*innen und Therapeut*innen arbeiten.

Es ist normal, dass Sexualität sich in verschiedenen Lebensphasen verändert. Das Bedürfnis nach Sex, oder eben auch nicht, ist also auch unabhängig von psychischen Erkrankungen ganz normal.

Selbsthilfegruppen oder Peer-Angebote können dabei helfen Barrieren und das Gefühl, mit der Situation alleine zu sein, abzubauen.

Einige Erkrankungen können sich so stark auf die Sexualität ausüben, dass es besondere Herausforderungen beim Sex gibt. Für solche Situationen gibt es Sexualbegleitung. Das sind ausgebildete Expert*innen, die beispielsweise Menschen mit Behinderung in ihrer Sexualität begleiten. Mehr dazu erfährst du im Kapitel “Sexarbeit”.

Für Fachkräfte

Sexualität bei chronischen Erkrankungen – Kurzüberblick für Fachkräfte

  • Sexualität ist Teil von Gesundheit und Lebensqualität, auch bei chronischer Erkrankung.
  • Chronische Erkrankungen und Therapien können Sexualität körperlich, psychisch und sozial beeinflussen.
  • Auswirkungen können u. a. Schmerzen, Fatigue, Funktionsstörungen, verändertes Körperbild und Partnerschaftsprobleme sein.
  • Das Bedürfnis nach Nähe, Intimität und sexueller Selbstbestimmung bleibt bestehen.
  • Fachkräfte sollten Sexualität aktiv, offen und wertschätzend ansprechen.
  • Sexuelle Gesundheit ganzheitlich denken: mehr als Funktion, auch Lust, Sicherheit und Wohlbefinden.
  • Unterstützung, Beratung und ggf. Weitervermittlung sind Teil professioneller Versorgung.

Indirekte Auswirkungen

Einige Auswirkungen der Erkrankung auf Sexualität ergeben sich nicht durch die Erkrankung selbst, sondern durch indirekte Folgen. z.B. Durch Medikamente, Veränderung des Körpers oder psychische Folgen:

Medikamente:

  • Verminderte Libido
  • Errektions- und Ejakulationsstörungen
  • Orgasmusstörungen
  • vaginale Trockenheit
  • Hormonelle Veränderungen
  • Müdigkeit oder Konzentrationsprobleme

Nebenwirkungen können mit Ärzt*innen besprochen werden. Manchmal gibt es die Möglichkeit das Präparat oder die Dosierung anzupassen, um Nebenwirkungen zu verringern.

Körperliche Veränderungen:

  • Schmerzen und Fatigue (chronische Erschöpfung)
  • Bewegungseinschränkungen
  • Veränderte Berührungsempfindlichkeit
  • Hormonelle Veränderungen
  • Veränderte Funktion der Sexualorgane
  • Narben, Amputationen, Gewichtsveränderung
  • Herz-Kreislauf- und Atem-Belastung
  • Medizintechnische Hilfen (Stoma, Katheter, Drainage)
  • Haarausfall

Offene Gespräche mit Partner*innen und Ärzt*innen können helfen, Schmerzen, Hilfsmittel etc. anzupassen, um Sexualität lustvoller erleben zu können.

Psychische Veränderungen:

  • Stress, Angst, Sorgen
  • Depressionen, Niedergeschlagenheit
  • Veränderung des Selbstwerts
  • Verlust von Kontrolle/ Autonomie
  • Traumatische Erlebnisse

Bei Unsicherheiten lohnt sich das offene Gespräch mit Partner*innen und Therapeut*innen über Scham, Ängste etc., um diese sensibel anzugehen und so für eine sichere Umgebung zu sorgen, in der Sexualität lustvoll gelebt werden kann. 

Februar, 2026

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Quellen

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