Infertitität

Ungewollte Kinderlosigkeit

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8 - 12 %

Infertilität bedeutet, dass eine Schwangerschaft nach 12 Monaten oder mehr mit regelmäßigem, ungeschütztem Sex ausbleibt    Gnoth, C., Godehardt, E., Frank-Herrmann, P., Friol, K., Tigges, J., & Freundl, G. (2005). Definition and prevalence of subfertility and infertility. Human Reproduction, 20(5), 1144–1147. https://doi.org/10.1093/humrep/deh870. Infertilität bedeutet in der Medizin also nicht „nie Kinder bekommen können“, sondern, wenn trotz eines Jahres regelmäßigen ungeschützten Geschlechtsverkehrs keine Schwangerschaft eintritt. Infertilität kann alle Menschen betreffen, unabhängig von den Geschlechtsorganen    World Health Organization. (2025). Infertility. https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/infertility.

Es sind ca. 8 – 12% der Paare im reproduktiven Alter betroffen. Häufig wird die Ursache bei Personen mit Gebärmutter gesucht, aber Menschen mit Penis sind auch für 50% der Unfruchtbarkeitsfälle der Grund    Vander Borght, M., & Wyns, C. (2018). Fertility and infertility: Definition and epidemiology. Clinical Biochemistry, 62, 2–10..

Ursachen

Menschen mit Gebärmutter

Bei Menschen mit Gebärmutter können Zyklus- oder Hormonstörungen oder Probleme/Erkrankungen der Geschlechtsorgane Ursache sein    Deyhoul, N., Mohamaddoost, T., & Hosseini, M. (2017). Infertility-Related Risk Factors: A Systematic Review. International Journal of Women’s Health and Reproduction Sciences, 5(1), 24–29. https://doi.org/10.15296/ijwhr.2017.05. Außerdem sinkt die Fruchtbarkeit mit dem Alter.

Menschen mit Penis

Bei Menschen mit Penis können Störungen in der Bildung oder Qualität von Spermien, Hormonstörungen oder genetische Ursachen vorliegen    Babakhanzadeh, E., Nazari, M., Ghasemifar, S., & Khodadadian, A. (2020). Some of the Factors Involved in Male Infertility: A Prospective Review. International Journal of General Medicine, 13, 29–41. https://doi.org/10.2147/IJGM.S241099. Außerdem gibt es anatomische Gründe, zum Beispiel Verschlüsse der Samenwege oder Ejakulationsstörungen    Vander Borght, M., & Wyns, C. (2018). Fertility and infertility: Definition and epidemiology. Clinical Biochemistry, 62, 2–10..

Auch sexuell übertragbare Infektionen, Medikamente, chronische Erkrankungen und der Lebensstil haben einen Einfluss: Rauchen, Alkohol, Übergewicht und zu wenig Bewegung können zu einer schlechteren Fruchtbarkeit beitragen    Vander Borght, M., & Wyns, C. (2018). Fertility and infertility: Definition and epidemiology. Clinical Biochemistry, 62, 2–10..

Diagnostik

Die Diagnostik von Infertilität ist ein klar strukturierter, meist innerhalb weniger Zyklen abschließbarer Plan bei beiden Partner*innen. Nach Ursachen zu suchen kann belastend sein und Zeit und Energie in Anspruch nehmen. Wichtig ist, dass jede Person das Recht auf Aufklärung, Beratung und Mitentscheidung hat.

Nach 12 Monaten erfolgloser Schwangerschaftsversuche startet die Diagnostik. Dazu gehört:

  • Eine ausführliche Anamnese
  • Eine gynäkologische und andrologische (Gesundheit von Menschen mit Penis) Untersuchung
  • Untersuchung der „weiblichen“ Geschlechtsorgane und der Spermien

Sind diese Untersuchungen unauffällig, spricht man von einer „unerklärten Infertilität“.

Behandlung

In einigen Fällen beinhaltet die Behandlung zunächst die Umstellung von Lebensumständen, beispielsweise mit dem Rauchen aufzuhören oder Gewicht zu verlieren. Es gibt anschließend auch andere Behandlungsmöglichkeiten, beispielsweise mit Hormonen oder assistierter Reproduktion. Bei anatomischen Gründen kann auch eine Operation infrage kommen.    Carson, S. A., & Kallen, A. N. (2021). Diagnosis and Management of Infertility: A Review. JAMA, 326(1), 65–76. doi.org

Die Behandlungen können emotional belastend sein und die Erfolgschancen sind individuell. In einigen Fällen ist eine Schwangerschaft trotz Behandlung nicht möglich. Auch hier hilft es, sich Beratung und Unterstützung von den Partner*innen oder Expert*innen zu holen.

Psychische Belastung

Wichtig: Ungewollte Kinderlosigkeit ist keine persönliche Schwäche

Infertilität ist psychisch stark belastend und geht häufig mit Depression, Angst, Stress, Schuldgefühlen sowie Partnerschafts‑ und sozialen Problemen einher    Ara, I., Maqbool, M., & Zehravi, M. (2022). Psychic consequences of infertility on couples: A short commentary. Open Health, 3(1), 114–119. doi.org. Das Ausbleiben einer Schwangerschaft, die Diagnostik und die Behandlung können Trauer, Wut, Schuldgefühle oder Hoffnungslosigkeit auslösen oder zu Belastungen in der Partnerschaft führen. Druck und Sprüche von Familie oder Freund*innen können zusätzlich belastend sein. Einigen Paaren fällt es schwer, andere Familien mit Babys zu sehen. All das sind nachvollziehbare Belastungen. Familienangehörige oder Freund*innen anzusprechen und die Belastung zu erklären, kann ihnen helfen, die Gefühle zu verstehen. 

Sexualität

Sexualität kann mit Leistungsdruck verbunden werden und so Nähe und Intimität verändern. Einige Paare erleben dadurch Druck und Konflikte, andere empfinden eine stärkere emotionale Nähe. Man kann sich als Paar beraten lassen, um Sexualität lustvoll leben zu können.

Stigmatisierung

Infertilität ist stark stigmatisiert, besonders für Frauen, und betrifft sowohl Selbstbild als auch soziale Stellung    Xie, Y., Ren, Y., Niu, C., Zheng, Y., Yu, P., & Li, L. (2023). The impact of stigma on mental health and quality of life of infertile women: A systematic review. Frontiers in Psychology, 13. doi.org. Betroffene erleben häufig Schuldzuweisungen, abwertende Kommentare oder gut gemeinte, aber verletzende Ratschläge aus ihrem sozialen Umfeld. Besonders verbreitet sind gesellschaftliche Vorstellungen, dass Elternschaft „normal“ oder selbstverständlich sei und dass ein erfülltes Leben zwangsläufig Kinder einschließe. Diese Normen können dazu führen, dass Menschen mit Infertilität sich als unzureichend, defizitär oder ausgeschlossen wahrnehmen. Scham, Rückzug und das Schweigen über eigene Erfahrungen sind häufige Folgen der Stigmatisierung und können die psychische Belastung erheblich verstärken. Eine offene, sensible Sprache und die Anerkennung vielfältiger Lebensentwürfe sind daher zentrale Voraussetzungen, um Stigmatisierung abzubauen und Betroffene zu entlasten.

Mögliche Alternativen

Bei Infertilität gibt es verschiedene Alternativen und Lebenswege, die je nach persönlicher Situation, Wünschen und Möglichkeiten in Betracht kommen können. Wichtig ist: Es gibt kein „richtig“ oder „falsch“, sondern individuelle Entscheidungen.

Medizinische und reproduktive Alternativen

  • Weitere oder andere Formen der Kinderwunschbehandlung (z. B. Wechsel der Methode)
  • Nutzung von Samenspende oder Eizellspende (je nach rechtlichem Rahmen)
  • Embryonenspende (länderabhängig)
  • Entscheidung für oder gegen weitere medizinische Behandlungen

Soziale Elternschaft

  • Adoption
  • Pflegeelternschaft (zeitlich begrenzt oder dauerhaft)
  • Co-Parenting-Modelle (gemeinsame Elternschaft ohne Paarbeziehung)

Leben ohne eigene Kinder

  • Aufbau anderer erfüllender Lebensbereiche (Partnerschaft, Freundschaften, Beruf, Engagement)
  • Akzeptanz als aktiver Prozess, oft mit Trauerarbeit verbunden

Nähe zu Kindern ohne Elternschaft

  • Enge Beziehungen zu Nichten/Neffen, Patenkindern
  • Ehrenamtliche Arbeit mit Kindern oder Jugendlichen
  • Mentoring-Programme

Psychosoziale Unterstützung

  • Paar- oder Einzelberatung zur Entscheidungsfindung
  • Austausch in Selbsthilfegruppen
  • Begleitung beim Abschied vom ursprünglichen Kinderwunsch

Wichtig zu betonen: Alternativen sind keine „Ersatzlösungen“, sondern eigenständige, wertvolle Lebenswege.

Entscheidungen dürfen sich über die Zeit verändern.

Trauer, Zweifel und ambivalente Gefühle sind normal und legitim.

Februar, 2026

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Quellen

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